Serabit el Chadim

Schon ab der predynastischen Zeit haben die alten Ägypter mit den Völkern der Halbinsel Sinai intensiven Handel betrieben. Vor allem Kupfer und Türkis, dass vor allem in Wadi Magaharah und in Serabit el-Chadim abgebaut wurde, waren sehr gefragt. Ab dem Mittleren Reich war Sinai immer wieder eine Kolonie Ägyptens. Trotz dieser langen wirtschaftlichen und kulturellen Banden, gibt es nur eine nennenswerte Tempelanlage, und zwar die von Serabit el Chadim. Dafür ist sie, aus meiner Sicht, einer der interessantesten Anlagen des alten Ägypten.

Einer der merkwürdigsten Tempel Ägyptens ist das Hathor-Heiligtum Serabit el-Chadim (Serabit al-Khadim) in der wilden Felslandschaft des südwestlichen Sinai. Es war das Zentrum des Türkis- und des Kupferabbaues, den vor allem die Pharaonen der 12. Dynastie hier betreiben ließen. Das Heiligtum ist zwar von ägyptisch geschulten Handwerkern erstellt,zeigt aber deutlich, dass die Bauleute keinen axial-symmetrischen Tempel errichten konnten, sondern in dieser unwirtlichen Gegend sich den Umständen anpassenmussten. Die Anlage besteht aus einem unregelmäßigen Rechteck von etwa 100Metern Länge, das von einem gewaltigen Ringwall aus Bruchsteinen eingefasstwird und in dessen innerstem Winkel die Kultgrotten der Hathor und des Gottes Sopdu, des "Herrn des Ostens", liegen. Der (spätere) Haupteingang befindet sichan der westlichen Schmalseite und wird von zwei Stelen Ramses' II. und Seth flankiert. Statt offener Vorhöfe durchwandert der Besucher des Heiligtums eine Folge von 14 aus zurecht gehauenen Blöcken aufgemauerten Pfeilerräumen und sogar einen kleinen Pylon, bis er den eigentlichen Innenhof des Tempelsbetritt. Diese Vorräume sind, nach den dort angebrachten Inschriften zu urteilen, erst in der 18. bis 20. Dynastie angefügt worden. Der größere Innenhof dürfte dagegen bereits aus dem Mittleren Reich stammen. Die beiden Kultgrotten liegen mit ihren Vor- und Nebenräumen nebeneinander in der Südostecke des Hofes und wurden, nach der Häufung von Inschriften aus der Zeit Amenemhets III. und IV.zu schließen, bereits im Mittleren Reich angelegt.Untersuchungen Petries förderten zahlreiche königliche und private Skulpturen, Stelen und Opferständer zutage, die bis in die Zeit des Königs Snofru hinaufreichten. Der Boden des Tempels war von einer dicken Schicht zerbrochener Alabaster- und Fayencevotive bedeckt, die sich im Laufe der Jahrtausende hier angesammelt hatten. Für den Ägyptologen war die Entdeckung des Heiligtums vor allem wegen der zahllosen Stelen und Votivinschriften wichtig,die wesentlich zu unserer Kenntnis der Expeditionstätigkeit der Ägypter in dieser Region beigetragen haben. Große Wasserbecken in den Vorräumen der Sanktuare weisen auf religiöse Waschungen, wie sie in den Kulten des benachbarten Kanaan häufig waren. In die gleiche Richtung weisen die dicken, unter dem Heiligtum des Neuen Reiches festgestellten Schichten von Nadelholzasche. Sie zeigen, dass in diesem Tempel viel stärker geräuchert wurde als in Tempeln des Niltales.

Literatur: D. Arnold, Die Tempel Ägyptens (1996) in: 222-224 W. Flinders Petrie, Reaserches in Sinai (London 1906) 72-108, Taf. 85-113, Plan 4