Sen-nefer und seine Zeit

[Abb. S22] Kopf des Amenophis II. aus Quarzit (Louvre E 10896).
Sen-nefer war Bürgermeister von Theben unter König Amenophis II., dessen Regierung zwischen 1439 und 1413 v. Chr. anzusetzen ist und ein Vierteljahrhundert größter Machtentfaltung und höchsten Wohlstands bezeichnet. Nach dem Tode seines Vaters Thutmosis III., der zu den berühmtesten Herrschern Ägyptens zählt, übernahm Amenophis II. nach kurzer Mitregentschaft ein Reich, das sich vom Euphrat im Norden bis nach Napata jenseits des Vierten Nilkatarakts im Süden erstreckte. Rund einhundert Jahre lang hatten die Pharaonen der 18. Dynastie auf zahlreichen Feldzügen weite Gebiete der heutigen Staaten Israel, Jordanien, Libanon und Syrien zur Anerkennung der ägyptischen Oberhoheit gezwungen und sich das mineralienreiche Nubien einverleibt.
Alljährlich trafen nun in Ägypten Tribute an Metallen, wie Gold, Silber, Elektron und Kupfer ein, dazu aber auch Nutztiere, wie Rinder und Hühner, oder als Illustrationsobjekte weltherrschaftlichen Gebarens exotische lebende Tiere, wie Giraffe, Gepard oder Nashorn. Ebenholz und Elfenbein, Weihrauch, gewürzte Weine, Felle, Straußenfedern, Edelsteine und prunkvoll verzierte Kriegsrüstungen, vor allem aber Prestigeobjekte, wie zweirädrige Wagen und Pferdegespanne, lieferten Vorderasiaten und Nubier ins Niltal. Die auf dem Wege des Handelsaustausches erworbenen Güter kamen aus noch entfernteren Gegenden, aus Anatolien etwa oder von den Ägäischen Inseln.
Von einem seiner Beutezüge nach Vorderasien brachte Amenophis II. unter anderem "270 Sängerinnen der Großen jedes Fremdlandes mit ihren Geräten der Erfreuung aus Silber und Gold" mit. Das mag zum Amüsement bei Hofe nicht wenig beigetragen haben. Doch nicht nur der König und seine hohen Beamten änderten ihren Lebensstil. Gerätschaften, die als Fertigwaren noch Ägypten gelangten, regten in vielen Zweigen des Handwerks zu Neuschöpfungen an und vermittelten technische Innovationen in der Verarbeitung der vielfältigen Rohmaterialien. Es gab eigentlich keine Gesellschaftsgruppe, die von den neuen Verhältnissen des Großreichs nicht in dieser oder jener Form berührt gewesen wäre bis hin zu den Soldaten, die ungern als Besatzungstruppen in den eroberten Gebieten Dienst taten, weil sie ihre Heimat als Mittelpunkt der Welt betrachteten. Als Amenophis II. auf den Thron gelangte, war er auf sein verantwortungsvolles Amt wohl vorbereitet. Die Überlieferung schildert ihn als energischen jungen Mann, dessen sportliche Leistungen als Wagenlenker, Bogenschütze und Ruderer legendär wurden:
"Als er noch ein Junge war, da liebte er seine Pferde und freute sich über sie. Mit Beharrlichkeit richtete er sie ab und lernte ihr Wesen kennen. Er zog Pferde auf, deren gleichen es nicht gab... Als Seine Majestät als König erschien, war er ein ausgewachsener Jüngling, der achtzehn Jahre auf seinen Schenkeln in Tapferkeit vollendet hatte. Er kannte die Pferde, ohne dass es seinesgleichen im ganzen zahlreichen Heere gab. Und keiner konnte seinen Bogen spannen wie er, der 300 Bogen spannte, um die Arbeit der Handwerker zu vergleichen und den Könner vom Nichtskönner zu unterscheiden... Wenn er aber zu Pferde erschien wie (der Kriegsgott) Month in seiner Kraft, spannte er den Bogen, indem er viele Pfeile zugleich in seiner Hand hielt, und wenn er auf die Kupferplatte schoss, so ging der Pfeil hindurch, als ob sie aus Papyrus wäre. Die große Kupferplatte aber war drei Finger dick (5,6 cm), und es durchbohrte sie der Kraftvolle mit vielen Pfeilen, die drei Handbreiten (22,4 cm) hinten heraus sahen. Es vollbrachte aber seine Majestät diese Vergnügung vor dem ganzen Land... Stark waren seine Arme, sobald er das Ruder ergriff und am Heck seines Schiffes als Schlagmann für 200 Mann ruderte. Wenn man pausierte, nachdem sie eine halbe Meile Fahrt hinter sich gebracht hatten, so waren sie schlapp und ihre Glieder müde, Seine Majestät aber war stark mit seinem Ruder von 20 Ellen Länge."

[Abb. S23] Ein Reliefblock aus Rosengranit, heute vor dem Museum in Luxor aufgestellt, zeigt Amenophis II. beim Scheibenschießen vom dahinjagenden Gespann aus.
Diese Hervorhebung physischer Kraft und Gewandtheit war typisch für die imperiale Epoche Ägyptens, die sich nicht genugtun konnte, ihre Königs als überragende unüberwindliche Kämpfer zu schildern. Die Metaphern maßloser Übertreibung wurden stereotyp auf jeden Herrscher angewandt, doch Amenophis II. mag bis zu einem gewissen Grade diesem Bild sogar gerecht geworden zu sein. Allen Versuchen der unterworfenen Völkerschaften in Vorderasien, sich dem Zugriff Ägyptens zu entziehen, trat Amenophis II. mit militärischer Gewalt entgegen, und er scheute sich nicht, mit aller Brutalität im eigenen Land den Triumph zur Schau zu stellen und in der südlichen Kolonie ein abschreckendes Schauspiel zu veranstalten:
"Er wütet wie ein Panther, wenn er das Schlachtfeld betritt, so dass es keinen Kampf in seiner Gegenwart gibt... Er richtet Vernichtung unter seinen Feinden an... Alleiniger Held, dessen Macht man erhebt, bis sie (der Sonnengott) Re im Himmel weiß... Es kehrte aber seine Majestät in der Freude seines Vaters Amun zurück, nachdem er sieben Häuptlinge mit eigener Keule erschlagen hatte, die sich im Bezirk südlich von Qadesch befunden hatten, die dann kopfüber am Bug des Schiffes Seiner Majestät aufgehängt wurden... Man hing sechs Leute von diesen Gefallenen gegenüber der Mauer von Theben auf... Den anderen Gefallenen aber fuhr man nach Nubien, wo er an der Mauer von Napata aufgehängt wurde, um die Siege Seiner Majestät ewiglich sichtbar sein zu lassen in allen Ländern und allen Fremdländern des nubischen Landes."
Die Kontrolle über diese weitläufigen Territorien erforderte natürlich eine gut funktionierende Verwaltung. Während die vorderasiatischen Stadtstaaten und Fürstentümer eine gewisse Autonomie behielten, wurden Ägypten selbst und die nubischen Besitzungen zentralistisch regiert. Zwei Wesire, je einer für den südlichen und den nördlichen Landesteil Ägyptens, der Vizekönig von Nubien und der Hohepriester des Amun bildeten unmittelbar unter Pharao die Regierungsspitze, die über ein Heer hierarchisch gegliederter Beamter gebot. Gold, Silber und schöne Steine hatten sich nicht nur in den staatlichen Schatzkammern angesammelt, sondern erhebliche Anteile aus der Beute wurden auch in die Tempel gestiftet, und da der König in dieser Zeit vor allem Amun-Re von Karnak seine Siege zu verdanken schien, wurde mit diesem Gott auch seine Priesterschaft reichlich bedacht. Dabei hatte die Anordnung, an dieser oder jener Tempelstätte neue Bauwerke zu errichten, nicht nur zur Folge, dass die Materialien dafür vom Stifter zu finanzieren waren, sondern auch Tempelgerät in kostbarster Ausführung, und dies nun häufig direkt aus der Beute, wie "Altäre mit Silber- und Bronzegefäßen, Ständer und die dazugehörigen Schalen, Halter, Näpfe, Schüsseln" usw. zur Verfügung gestellt werden musste. Versteht sich, dass die Aufrechterhaltung des Kultes Opfergaben namentlich in Form von Naturalien erforderte, und so bildeten die ägyptischen Tempel je nach Rang ausgedehnte Wirtschaftsunternehmen. Im übrigen schlössen sich die Wahrnehmung von Verwaltungsaufgaben und Priesterfunktionen gegenseitig nicht aus.
Literatur: Sen-nefer Die Grabkammer des Bürgermeisters von Theben (Verlag Philipp von Zabern 1986)